Lotsendiensten rund um die Geburt2019-05-09T18:27:25+02:00

Modell Lotsendienste

Eine entscheidende Rolle in der strukturierten Zusammenarbeit des Gesundheitssystems mit Angeboten der Frühen Hilfen aus der Kinder- und Jugendhilfe nehmen Lotsendienste ein. Sie schließen so eine bedeutsame Lücke in der Präventionskette. Bundesweit sind verschiedene interdisziplinäre Modelle zu Lotsendiensten entstanden.

Mission der BAG Gesundheit & Frühe Hilfen ist u.a. die flächendeckende Regelfinanzierung von solchen Lotsendiensten rund um die Geburt.

Lotsendienste rund um die Geburt

Ziel eines Lotsendienstes ist das systematische und frühzeitige Erkennen sowie die Kontaktaufnahme zu Familien mit psychosozialer Belastung rund um die Geburt und bei Bedarf eine passgenaue Überleitung in Hilfs- und Unterstützungsangebote. Durch ein systematisches, strukturiertes und frühzeitiges Erkennen werden bei allen Familien mögliche Belastungsfaktoren für die Kindesentwicklung in den Blick genommen. Im Rahmen eines vertiefenden freiwilligen Gespräches durch qualifiziertes Personal wird der mögliche Unterstützungsbedarf geklärt und gegebenenfalls in passgenaue Angebote u.a. aus dem Bereich des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe niedrigschwellig „gelotst“. Der freiwillige Aspekt und die damit verbundene Stärkung der Steuerungskompetenz sind ein wesentliches Merkmal aller etablierten Lotsendienste.

Hintergrund

Kinder, die in armen und bildungsfernen Verhältnissen aufwachsen, haben eine signifikant geringere Chance auf eine erfolgreiche schulische und berufliche Ausbildung. Nur ca. 50% der betroffenen Kinder erhalten einen Schulabschluss. Auch ihre gesundheitliche Entwicklung ist schlechter als die von Kindern aus Familien mit höherem sozioökonomischen Status (Noble, Kimberly G. et al., 2012).

  • Psychosoziale Belastungen können einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit eines Kindes haben.
  • Diese möglichen negativen Konsequenzen des familiären Sozialstatus betreffen ca. 21% der Kinder in Deutschland.
  • Eltern, die am meisten von Unterstützungsmaßnahmen profitieren könnten (z.B. Familien mit einem geringeren Bildungsgrad oder sozioökonomisch benachteiligte Familien), nehmen entsprechende Angebote (z.B. der Frühen Hilfen) weniger in Anspruch (Präventionsdilemma).

Warum Lotsendienste?

  • Je früher psychosoziale Belastungen erkannt und passgenaue Unterstützungsmöglichkeiten angeboten bzw. genutzt werden, desto größer sind die Chancen, Fehlentwicklungen bei Kindern entgegenzuwirken und die Weichen für eine gesunde Entwicklung zu stellen.
  • 98 % aller Kinder in Deutschland kommen in Geburtskliniken zur Welt. Vorsorgeuntersuchungen in Schwangerschaft und früher Kindheit werden von fast allen Familien in Anspruch genommen. Geburtskliniken und Arztpraxen sind daher geeignete Orte, um Unterstützungsbedarf zu erkennen und ihnen einen Zugang zum kommunalen Netzwerk Frühe Hilfen zu eröffnen.
  • Eine Begleitung der Familien durch Lotsendienste führt zu einer erhöhten Selbstwirksamkeit der Mütter und zu einer höheren Bereitschaft zur Inanspruchnahme von Hilfen.

Auf kommunaler Ebene existieren bereits bundesweit etablierte Initiativen, Projekte und Programme zu qualitätsgesicherten Lotsendiensten rund um die Geburt. Einen kleinen Ausschnitt dieser Modellprojekte wollen wir Ihnen gerne vorstellen:

KinderZUKUNFT NRW
KinderZUKUNFT NRW ist ein Präventionsmodell zum vorbeugenden Kinderschutz und zur frühen Gesundheitsförderung von Kindern aus psychosozial und/oder gesundheitlich belasteten Familien. Das Modell KinderZUKUNFT NRW wird zurzeit in 10 Geburtskliniken durchgeführt.

Weitere Informationen zu Kinderzukunft NRW finden Sie unter:

http://www.forum-kinderzukunft.de/

Guter Start ins Kinderleben (Rheinland-Pfalz / Bayern / Thüringen)
„Guter Start ins Kinderleben“ ist ein Modellprojekt zur frühen Förderung elterlicher Erziehungs- und Beziehungskompetenzen in prekären Lebenslagen und Risikosituationen. Es dient insbesondere der Prävention von Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung im frühen Lebensalter. Ziel des Modellprojekts ist es, belastete Eltern, wie etwa sehr junge und alleinerziehende Mütter, früh zu unterstützen. Für eine optimale Unterstützung und Versorgung werden interdisziplinäre Kooperationsformen und Vernetzungsstrukturen entwickelt und erprobt. Diese sollen auf bestehenden Regelstrukturen aufbauen und in bestehende Regelstrukturen eingebunden werden.

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://mffjiv.rlp.de/de/themen/familie/guter-start-ins-kinderleben/

Werkbuch Vernetzung:

https://www.fruehehilfen.de/fileadmin/user_upload/fruehehilfen.de/pdf/Werkbuch_Vernetzung__NZFH_2010_.pdf  

Programm Babylotse der Stiftung SeeYou

An knapp 60 Standorten in acht Bundesländern unterstützen Babylotsen besonders belastete Familien schon vor bzw. direkt nach der Entbindung. Sie klären einen möglichen Hilfebedarf und leiten die Familien passgenau und wohnortnah in die Angebote der Frühen Hilfen und andere Hilfesysteme über. Die Lotsentätigkeit entlastet nachweislich das medizinische Personal und führt sowohl bei Patientinnen als auch den Mitarbeitern zu einer höheren Zufriedenheit. Seit 2019 ermöglicht die Senatsverwaltung Berlin die Einführung an allen 18 Geburtskliniken der Hauptstadt. Und auch in 25 Hamburger Frauen- und Kinderarztpraxen sowie bei Gynäkologen im Oldenburger Land sind Babylotsen vor Ort und bieten Unterstützung an.

Damit erreicht das Programm mittlerweile über 100.000 Familien jedes Jahr (Stand Juni 2019), das entspricht rund 14 Prozent der Geburten in Deutschland. Über 90 Prozent der Kliniken verzeichneten 2018 mehr als 1.000 Geburten, 2 Kliniken lagen bei unter 800 Geburten.

Weitere Informationen zum Programm Babylotse finden Sie unter:

https://www.seeyou-hamburg.de/babylotse/